Gebet und Tränen
Das Fenster in der Josefskirche in Simmern im Hunsrück gibt zunächst Rätsel auf. Zwei flehende Frauen sind zu sehen, eine trägt einen Heiligenschein. Palmen entdeckt man, das Meer, einen nächtlichen Sternenhimmel und ein Schiff unter vollen Segeln. Ein junger Mann, ganz in ein Buch vertieft, reist ab. Das Fenster im westlichen Kirchenschiff liegt gegenüber dem Hauptfenster mit der Heiligen Familie an der Ostwand. Nach und nach dämmert es. Auch das rätselhafte Bild stellt eine Familienszene dar; zeigt es die heilige Monika, die sich um ihren Sohn Augustinus große Sorgen macht. Der intellektuelle Lebemann kümmerst sich bei seiner Abreise nach Rom im Hafen von Karthago in Nordafrika nicht um seine Mutter. Er, 28-jährig, täuscht sie, reist heimlich ab, hat seine Karriere im Kopf, würdigt sie keines Blickes.
Die Szene hat Weltliteratur-Rang. Augustinus (354 – 430 n. Christus) beschreibt Sie in seinem Bekenntnissen (Buch V, 8), in den Mutter Monika eine bedeutende Rolle spielt. Sie schafft es sogar, ihren Sohn in Mailand mit dem in Trier geborenen Bischof und begabten Prediger Ambrosius in Verbindung zu bringen. Es ist nach langer religiös-philosphischer Suche für Augustinus die entscheidende Begegnung, die 387 zu seiner Taufe führt.
Das Thema ist sei vielen Jahrhunderten dasselbe und immer noch hochaktuell. Fromme Eltern, unfromme Kinder? Vielleicht ist das schon die falsche Frage? So toll sind fromme Eltern auch nicht immer. Und weniger kirchenfromme Kinder, leben oft viel von Christi Wort. Es geht nicht gradlinig, dass aus gläubigen Elternhaus gläubige Kinder erwachsen. Ein Buch, das sichere Strategie verspricht, wie Kinder zu Kirche und Glauben zurückzuführen sind, würde ich nicht kaufen. Christen werden von oben geboren, sagt Papst Leo in der ehemaligen Bischofsstadt Hippo in Algerien.
Der Menschenverstand sagt, Christentum muss man vorleben. Wertschätzendes, hilfsbereites Verhalten ist die Basis, egal, welche Lebensentscheidungen Kinder treffen. Ihren Glauben brauchen Eltern nicht zu verstecken. Dass sie in die Messe gehen in der Urlaubszeit oder in der Großpfarrei an einem ungünstigen Ort, bemerken Kinder. Dass Eltern an ihrem Tisch beten, wenn erwachsene Kinder zu Besuch kommen, finden diese In Ordnung. Konsequent und authentisch soll man bleiben. Essenseinladungen an hohen Feiertagen kann man eben erst nach dem Gottesdienst wahrnehmen oder vorher, aber nicht währenddessen.
Ach ja, vor allem gilt das, was Ambrosius der Monika sagt. Sie möge weniger mit dem Sohn über Gott, als mit Gott über ihren Sohn sprechen. Ins Gebet nehmen, hilft immer. Die Ins-Gebet-Genommenen sind hoffnungslos von der Gnade umzingelt.
Alfons Zimmer
