Zwanzig Jahre Vorsitz – und kein Tagebuch


Liebe Gemeinde St. Lydia!
Als ich vor zwanzig Jahren in mein Amt als Vorsitzender des damaligen Pfarrgemeinderats der Pfarrei Rayerschied (ab 2016 Pfarreienratsvorsitzender PG Rheinböllen; ab 2023 PGR Vorsitzender Pfarrei St. Lydia) gewählt wurde, war ich hochmotiviert. Kirche soll verändert werden! Ich hatte Ideen, Energie – und die naive Vorstellung, dass die Institution vielleicht schon die Stühle gerückt hat, um mich besser empfangen zu können.
Die Realität war anders: Die Kirche stand da wie eine alte Eiche – beeindruckend, verwurzelt, und mit einer gewissen Lust, einfach mal stehen zu bleiben. Und so begann ein langes Gespräch zwischen mir und ihr. Manchmal war es ein Dialog, manchmal ein liebevolles Reiben. Ich habe mich oft an ihr gerieben – und sie sich an mir. Es war nicht immer bequem, aber meistens ehrlich.
Ein Stein mit Kanten wird bei Reibung geschliffen. Bei einem harten dauert es etwas länger. Ich bin so ein Stein. Und ich spüre nun: Auch meine Kraft ist endlich. Besonders in den letzten zwei Jahren wurde mir das deutlich: Es braucht neue Impulse in der Arbeit eines Pfarrgemeinderates.
Am 30. April 2024 habe ich die Entscheidung getroffen, für das Amt nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Ich habe das bisher keinem erzählt. Wenige Stunden später erreichte mich die Nachricht vom Tod von Pfarrer Thomas Schneider. Ich war sprachlos. Und ich fragte mich: Was will mir der liebe Gott damit sagen? Muss ich jetzt doch weitermachen? Oder darf ich loslassen? Ich habe darauf keine klare Antwort bekommen – nur ein stilles Gefühl, dass beides seinen Platz hat: das Gehen und das Bleiben.

In zwanzig Jahren ist viel passiert. Ich kann nicht alles aufzählen, aber ein paar Stationen seien genannt:
- 900 Jahr Feier der Gedenkstätte Schönenberg
- 100 Jahr Feier der Kirche St. Apollonia Kisselbach
- Bildung der Pfarreiengemeinschaft Rheinböllen mit Erstellung des ersten Pastoralplans im Bistum Trier, verfasst von einer Pfarrei. Ob er etwas gebracht hat? Darüber lässt sich streiten. Aber er war die Grundlage meines Handelns.
- Gründung einer Messdienerleiterrunde mit Ausflügen nach Köln, Frankfurt und Trier.
- Unterstützung des College Mwanga durch die Sternsingeraktion – global gedacht, lokal gesammelt.
- Überbrückung vieler Vakanzen von Pfarrer und Gemeindereferentin
- Berichterstattung auf Presse, Homepage und sozialen Netzwerken
- Fusion zur Pfarrei Simmern-Rheinböllen St. Lydia – mit der Findung eines einmaligen Patroziniums. Wir sind die einzige katholische Pfarrei Deutschlands, die ihren Namen trägt. Und das mit Stolz.
- Trialogpredigt beim Gründungsfest der fusionierten Pfarrei
Mit der Zeit kam doch auch Akzeptanz in meine Rolle und so fragten mich viele Menschen: „Warum kannst du das?“ Nun, ich bin nicht einfach so vom Himmel gefallen. Ich habe viel profitiert – durch viele hauptamtliche und ehrenamtliche Wegbegleiter, durch Gespräche, in gemeinsamen Projekten. Und ich denke: Gerade ein kleiner Ort wie Rayerschied ist ein wunderbares Experimentierfeld. Hier entstehen Freiräume. Hier fällt manches weg – und dadurch kann Neues wachsen.
Jeder Mensch, der sich einbringt,
geht verändert aus einem Projekt heraus.
Ob ich mich in einer Stadt so hätte entwickeln können? Wohl kaum. Hier durfte man gestalten – und auch mal scheitern. Und jeder Mensch, der sich einbringt, geht verändert aus einem Projekt heraus. Ich jedenfalls bin nicht mehr derselbe wie vor zwanzig Jahren. Und das ist gut so.
Diesen Gedanken erlebe ich auch im lokalen Team Rayerschied. Da fallen kluge Sätze, auf die ich selbst nie gekommen wäre – und doch finde ich mich darin wieder. Das zeigt mir: Ein Mensch entwickelt sich weiter, wenn er sich einlässt.
Denn wer gestalten darf, wächst.
Und wer wachsen darf, bleibt.
Deshalb mein Wunsch ans Seelsorgeteam: Traut den Menschen etwas zu. Lasst sie auch mal Fehler machen. Und macht nicht alles selbst – auch wenn es schneller ginge. Denn wer gestalten darf, wächst. Und wer wachsen darf, bleibt.
Meine im Jahr 2022 verstorbene Mutter sagte mir oft: „Was ich an dir bewundere, ist deine große Geduld.“ Ja, hartnäckig war ich oft – aber ohne Geduld wäre ich nicht weit gekommen. Wenn ich heute das Gleichnis vom Sämann betrachte, erkenne ich mich darin wieder: Manche Saat geht sofort auf, manches braucht Zeit. Und manches fällt auf steinigen Boden.
Mein größter Fehler? Ich habe kein Tagebuch geführt. Was da alles drinstehen könnte! Begegnungen, Sternstunden, Stirnrunzeln, stille Momente, laute Gedanken – und die eine oder andere Sitzung, bei der man sich fragte, ob der Heilige Geist gerade auf Außentermin war.
Jetzt trete ich einen Schritt zurück – nicht aus dem Gremium, aber aus der ersten Reihe. Ich bleibe dabei, mit Freude und Neugier. Vieles mache ich weiter: die Homepage, das lokale Team Rayerschied, und das, was sich ergibt, wenn man mit offenen Augen und einem offenen Herzen unterwegs ist. Und mit einem Kalender, der wieder Platz für spontane Gedanken hat.
Ich danke euch für Vertrauen, Geduld und das gemeinsame Ringen um die Kirche.
Zum Schluss noch etwas Persönliches: Die Evangelischen haben zu allen Festen – Konfirmation, Hochzeit, Taufe – einen Spruch. Eine schöne Tradition. Ich möchte euch daher meinen Lebensspruch mitgeben. Einen, der mich immer begleitet hat, der auch beim Gründungsfest eine Rolle spielte und der vielleicht auch euch Mut macht für die Zukunft.
„Seht her, nun mache ich etwas Neues.
Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?
Ja, ich lege einen Weg an durch die Wüste
und Straßen durch die Einöde.“
(Jesaja 43,19)
Es grüßt euch herzlich
Euer
Markus Koch
(PGR-Vorsitzender a.D.)
